Rosch Haschana und die Sehnsüchte
Einem ursprünglich aus religiösem Hause stammenden, säkularen jüdischen Philosophen aus Israel wurde die Frage gestellt was einfacher sei, religiös oder säkular zu leben. Seine Antwort war einfach: das religiöse Leben mit seinen Ritualen und seinen klar definierten Verhaltensweisen sei einfacher. Darauf wurde er gefragt, ob er in seinem Leben etwas vom religiösen Judentum vermisse. Darauf antwortete er prägnant: Ja er habe Sehnsüchte, Sehnsüchte wenn er am Freitag Abend die Gebete aus den Synagogen höre, Sehnsüchte wenn er an Rosch Haschana den Ton des Schofars höre und die weissgekleideten Menschen versunken im Gebet betrachte. Als er darauf gefragt wurde, warum er dann diese Sehnsucht nicht stille und zum Gebet gehe, erklärte er, er sei schon zu lange davon entfernt.
In unser aller Leben sind wir mit Nähe und Distanz konfrontiert, sei es in Beziehungen zu unserer Familie, sei es zu unseren Freunden oder allgemein zu unseren Mitmenschen. An Rosch Haschana sind wir zusätzlich mehr oder weniger, näher oder weiter, intensiver oder oberflächlicher mit der Beziehung zu Gott konfrontiert. An Rosch Haschana und Jom Kippur sind sich die meisten von uns ihrer Religion bewusst und leben sie auf die eine oder andere Weise aus. Während die einen in Ehrfurcht erstarrend den Gebeten folgen oder in der seit Jahrhunderten gleichen Melodie des Kol Nidrei versinken, konzentrieren sich andere auf die sozialen Begegnungen in der Synagoge oder auf die vielen Riten die am festlichen Tisch oder im zwischenmenschlichen Bereich zelebriert werden.
Da gibt es zum Beispiel den bekannten Gruss und Wunsch, den man sich gegenseitig zu Rosch Haschana gibt: «shana tova», übersetzt: «ein gutes Jahr» (soll das Gegenüber haben). Das hebräische Wort «shana» («Jahr») hat denselben Wortstamm wie das hebräische Wort «leschanot» («ändern»). Welche tiefere Symbolik können wir daraus ziehen?
Meistens nehmen sich Menschen am Anfang des Jahres Vorsätze, Dinge zu ändern, zum Besseren zu ändern. Nur stellen die meisten von uns fest, dass Ende des Jahres die Vorsätze nicht oder nur selten durchgezogen werden konnten.
Als aktives und in der Leitung tätiges Mitglied einer grossen Einheitsgemeinde stelle ich mir natürlich auch die Frage, ob sich die jüdischen Gemeinden ändern, ob die Gewohnheiten der Mitglieder sich ändern und last but not least, ob die Erwartungen der Gemeindemitglieder sich in den letzten Jahren geändert haben. Ich frage mich, ob immer noch gleich viele Menschen an den hohen Feiertagen in die Synagoge gehen und warum sie das tun.
Ich stelle fest, dass die Zahl der Synagogenbesucher in gewissen Kreisen tendenziell sinkend ist: Am ersten Tag Rosch Haschana hören sich viele noch gerne die, bereits aus der Kindheit vertrauten Liturgien und Gesänge an und möchten diese Atmosphäre auch ihren Kindern weitergeben. Am zweiten Tag gehen doch einige wandern. Wie oft ist doch schon der Satz gefallen, «in der Natur und in den Bergen fühle ich mich Gott so nah»?
Haben Menschen, die Gott in der Natur begegnen, Sehnsüchte? Haben Menschen, die sich im tiefen Gespräch und Lernen begegnen, statt in der Synagoge zu beten, Sehnsüchte? Bedeutet Änderung automatisch Sehnsucht nach dem Früheren?
Persönlich denke ich, dass die Beziehungen, sei es zu Gott, zur Religion oder zu seinen Mitmenschen, gepflegt werden müssen, um der Gefahr der Sehnsüchte entgegenzuwirken. Wie diese Beziehung gepflegt wird, ist sekundär, wichtig ist die Kontinuität. Es ist wie bei einer Freundschaft: Man muss dafür arbeiten - in sie investieren. Verliert man das Interesse, entfernt man sich immer mehr und immer weiter, bis man zum «point of no return» gelangt, also dort ankommt, wo ein Weg zurück nicht mehr möglich ist, weil man nicht mehr zu diesem Freundeskreis gehört. Findet nämlich Begegnungen immer weniger statt, versickern sie eines Tages, und zurück bleiben eine Erinnerung und manchmal - die Sehnsucht.
André Bollag ist Co-Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.
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1 Kommentare
Mannheimer Jacqueline - 24.09.2011
Sehr schöner Text....! Wünsche hiermit auch ein gutes Jahr und freue mich auf was wohl dieses Jahr alles auf uns zukommt.Gesundheit ,Kraft und Mut zu all den Herausforderungen.
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